Ein Kollege bringt einen Fall nach vierzehn Sitzungen ein. Ein junger Klient kam mit einem klaren Auftrag: Er kann kein Blut sehen. Schon bei Kleinigkeiten wird ihm schwarz vor Augen, die Knie werden weich – und er befürchtet, dass ihn das im Beruf behindert. Die Einschätzung des Kollegen: mittleres Strukturniveau, Grundprägung zwanghaft, das Problem einfach und stabil. Also Technik. Mit Techniken für negative Emotionen wird die Reaktion in den ersten Sitzungen deutlich schwächer.
Die Wendung. In der siebten Sitzung zweifelt der Klient plötzlich, ob das alles Sinn hat. Danach öffnen sich die Schleusen: eine Zurückweisung, die ihn lange beschäftigt hat, Schuld, Scham, ein Vater, der Liebe gegen Leistung gegeben hat. Aus dem einfachen, stabilen Problem ist ein komplexes geworden.
An dieser Stelle halte ich an und frage die Gruppe: Was ist eure Hypothese? Auf dem Flipchart wird es sichtbar. Das erste Thema lag auf der Ebene der Fähigkeiten („Ich kann kein Blut sehen“), der Zweifel auf der Ebene der Einstellung, und dann kam die Zugehörigkeit. Ein typisches Präsentiersymptom: Klient:innen zeigen zuerst etwas Ungefährliches und schauen, ob du gut damit umgehst. Der Kollege ist gut damit umgegangen – deshalb kam der Rest.
Die Reihenfolge. Bei so vielen Themen auf einmal braucht es eine Sequenz. Die Gefühle werden nach dem Gehirnmodell zugeordnet und von innen nach außen bearbeitet. Liegen mehrere auf derselben Ebene, entscheiden die Klient:innen: Was bringt die größte Erleichterung? Dort, wo es egal ist, darf der Klient entscheiden. Dort, wo es nicht egal ist, entscheidest du.
Was fehlt. Dann die eigentliche Frage an die Gruppe: Was ist an der Geschichte merkwürdig? Der Klient kann kein Blut sehen – und schaut sich regelmäßig Videos mit massiver Gewalt an, protokolliert seine Reaktionen genau. In allem, was bisher bearbeitet wurde, kommt ein Gefühl kaum vor: Wut. Auch nicht bei der Zurückweisung, wo sie in einem normalen Trauerprozess dazugehört. Die Arbeitshypothese: eine stark abgewehrte Aggression, vermutlich gegenüber dem Vater.
Die Vorgangsweise. Weiter direkt am Blut zu arbeiten wäre Themenverfehlung. Stattdessen drei Schritte zurück: den Verlauf zusammenfassen, die Bausteine benennen, die nicht zusammenpassen, und die Hypothese anbieten – die Brücke vom Blut zum tieferen Thema so bauen, dass der Verstand des Klienten mitgehen kann. Reicht das nicht, um genug Betriebstemperatur zu bekommen, kann man sich symbolisch annähern: mit dem Katathym Imaginativen Bilderleben und dem Motiv „Raubtier“, dem sich der Klient Schritt für Schritt nähert. Das Ziel ist zunächst nicht, die Aggression aufzulösen, sondern sie spüren und annehmen zu können. Dazu der Blick auf die Metathemen: Leistung und bedingungslose Liebe – und die Gefahr, dass sich die Beziehung zum Vater in der Coachingbeziehung wiederholt.
Der Kollege war angestanden. Am Ende des Abends wusste er, wie er weitermacht.